Optik Flegl OHG

Pressebericht

Winkelfehlsichtigkeit und Prismenbrillen 

Darstellung Dr. Georg Mehrle und Stellungnahme Gerhard Flegl Optometrist

"Wenn die Brille krank macht" Pressemitteilung des Berufsverbandes der Augenärzte vom 30.03.2001 Düsseldorf Autor: Dr. Georg Mehrle, Pressesprecher des Berufsverbandes der Augenärzte e.V. (BVA).

Schulschwierigkeiten können viele Ursachen haben. Gemeinsam ist allen, dass Kinder mit zu wenig Erfolgserlebnissen leicht die Lust am Lernen verlieren und dass sich ihre Eltern Sorgen machen. In solchen Fällen mangelt es nicht an "guten Ratschlägen". Leider sind sie aber nicht immer gut. Es gibt auch solche, deren Befolgen verhängnisvolle Auswirkungen haben kann. So müssen beinahe 30% der Kinder, die nach der fast ausschließlich von Optikern angewandten MKH (Mess- und Korrektionsmethodik nach H. J. Haase) mit Prismenbrillen versorgt wurden, nach einigen Jahren an den Augen operiert werden. Die gesetzlichen Krankenkassen wissen das und lehnen daher die Kostenübernahme für Brillengläser mit Prismenzusatz ab, sofern sie nicht vom Augenarzt verschrieben sind.


Den Versuch, Eltern zu überreden, die Brillengläser ihres Kindes zusätzlich mit Prismen zu versehen, unternehmen längst nicht alle Augenoptiker. Es ist nur ein relativ kleiner Kreis, der zum Beispiel auch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie) mit Prismengläsern "heilen" will. Diese Optiker vertreten den längst durch Wissenschaftler widerlegten Standpunkt, Legasthenie müsse durch eine Fehlfunktion der Augen bzw. durch einen "Fehler" in der Zusammenarbeit beider Augen hervorgerufen sein. Diese Fehlfunktion bezeichnen sie als "Winkelfehlsichtigkeit", und das ist ein Begriff, den es in der wissenschaftlich Fundierten medizinischen Optik nicht gibt. Ein Optiker hat ihn erfunden und damit ein Gesetz umgangen, das Optikern lediglich erlaubt, Fehlsichtigkeiten auszumessen und zu korrigieren, also Kurzsichtigkeit (Myopie), Übersichtigkeit (Hyperopie), Stabsichtigkeit (Astigmatismus) und Altersweitsichtigkeit (Presbyopie). Alle anderen Abweichungen bedürfen der augenärztlichen Diagnose und Behandlung. Dazu gehört u.a. Schielen und auch das verdeçkte Schielen, die Heterophorie. Und die wird von Optikern in "Winkelfehlsichtigkeit" umbenannt, womit der Anschein erweckt wird, dass es sich um eine Fehlsichtigkeit handelt, die sie vermeintlich "legal" mit Prismengläsern korrigieren dürfen. Prismengläser haben aber nicht wie Plus- oder Minusgläser eine korrigierende Wirkung; sie greifen in das Augenmuskelgleichgewicht ein und das ist "Therapie" und zwar eine, bei der man unter Umständen mit ganz erheblichen unerwünschten Nebenwirkungen rechnen muss.


Der MKH-Polatest - oft der erste Schritt zur späteren Augenoperation
Optiker bieten diesen Test nicht nur bei Lese-Rechtschreib-Schwächen an, sondern bei allen möglichen Beschwerden unklaren Ursprungs, wie häufig auftretende Kopfschmerzen, Konzentrationsmangel, Verspannungen der Halswirbelsäule. Unter diesem Test können die Sehachsen der Augen voneinander abweichen, wodurch oftmals falsche Testergebnisse produziert werden, da die Testbedingungen nicht denen des natürlichen beidäugigen Sehens entsprechen. Das wird zwar von den Anwendern der Methode behauptet, ist aber durch wissenschaftliche Untersuchungen zweifelsfrei widerlegt worden. Hinzu kommt, dass eine Heterophorie keineswegs grundsätzlich einer Behandlung bedarf. Im Gegenteil: Man findet sie bei 70 bis 80% aller Menschen; zu Beschwerden führt sie jedoch nur bei den allerwenigsten.


Das Polatest-Gerät wurde von einem Optiker namens Haase entwickelt. Die nach ihm benannte Messmethodik heißt MKH. Da die mit ihr zu gewinnenden Ergebnisse allein nicht zuverlässig sind, wird sie von Augenärzten, wenn überhaupt, nur in Verbindung mit anderen Diagnosemethoden angewandt. Bei den auf MKH eingeschworenen Optikern stellt sie das einzige Verfahren zur Ermittlung des Prismenzusatzes dar. Das hat zur Folge, dass die erforderlich scheinende Stärke der Prismen von Test-Situation zu Test-Situation wechseln kann, denn das Messergebnis beruht auf den subjektiven Angaben des Getesteten. Wenn Kinder Probleme haben, die möglicherweise auf einer fehlerhaften oder nicht entspannten Zusammenarbeit der Augen beruhen, ist es unbedingt erforderlich, die Augen nach Gabe von Tropfen zu untersuchen, die die inneren Augenmuskeln entspannen und die Naheinstellung (Akkommodation) vorübergehend aufheben. Nur so kann man den Brechungszustand der Augen und damit die Werte einer eventuell notwendigen Brille genau ermitteln. Wenn man bei einem Test gegen diese Regel verstößt und den innigen Zusammenhang zwischen Naheinstellung und Einwärtsdrehung der Augen (Konvergenz) vernachlässigt, dann können in der Tat alle möglichen "Stellungsfehler" hineinmanipuliert werden. Gerade bei Kindern kann die Höhe des mit dem Polatest gemessenen Prismenbedarfs von mal zu mal drastisch zunehmen bis zu einem Zustand, bei dem der Prismenzusatz nicht mehr in eine Brille eingeschlossen werden kann. In solchen Fällen hilft nur noch eine Schieloperation - eine Augenoperation, die Eltern ihrem Kind ersparen können, wenn sie darauf bestehen, dass jede seiner Brillen vom Optiker exakt nach augenärztlicher Verordnung angefertigt wird.



April 2001
Stellungnahme zum Artikel (siehe oben) "Wenn die Brille krank macht"
von Gerhard Flegl M.S. (USA), MCOptom, Optometrist


Seit nunmehr 18 Jahren wende ich als selbständiger Augenoptiker/ Optometrist die Meß- und Korrektionsmethodik nach H.J. Haase an.
Seit ca. 14 Jahren beschäftige ich mich dabei intensiv mit Kindern, die spezifische Schulprobleme haben, insbesondere im Bereich LRS, Dyskalkulie und diagnostizierter ADS/ADHS.
Meine Erfahrung mit nunmehr vielen tausend Kindern zeigt ein völlig abweichendes Bild von der Darstellung von Herrn Dr. Mehrle in seinem obengenannten Beitrag.


Die überwiegende Anzahl der von mir oder von meinen bei mir beschäftigten Kolleginnen und Kollegen untersuchten Kinder war mindestens einmal, nicht selten sogar häufiger bei einem oder verschiedenen Augenärzten zur Untersuchung.
Grund hierfür war die Bitte der Eltern, die Kinder auf einen möglichen Zusammenhang von visuellen Wahrnehmungsproblemen mit spezifischen Auffälligkeiten des Kindes zu untersuchen.


Häufig genannt werden dabei folgende von Eltern und Lehrern angegebene Probleme betroffener Kinder:

  • Probleme mit Fein- und Grobmotorik schon im Kindergarten ("Mein Kind bastelt sehr ungern")
  • Probleme mit der Lese- Rechtschreibtechnik
  • Leseunlust bis zur völligen Leseverweigerung
  • Probleme mit der Sinnerfassung von Text
  • Schlechte Handschrift (Einhalten von Zeilen und Kästchen fällt schwer)
  • Konzentrationsprobleme
  • Kopfschmerzen


Subjektiv nennen die Kinder häufig folgende Probleme:

  • "Die Schrift ist zu klein"
  • "Buchstaben bewegen sich"
  • "Lesen ist so anstrengend"


Regelmässig erhielten die Eltern der von mir untersuchten Kinder dabei 2 mögliche Diagnosen vom Augenarzt
Erstens: "Ihr Kind sieht hervorragend, mit den Augen hat das nichts zu tun"
Oder: "Ihr Kind ist weitsichtig und sollte eine Brille tragen" (Brillenstärkenermittlung nach Lähmung der Akkommodation mit Cyclopentolat!)


Auf Nachfragen geben die Eltern dabei eine durchschnittliche Untersuchungszeit von wenigen Minuten an, wobei regelmässig nur eine Untersuchung der Einzelaugen erfolgte und nicht des Zusammenspiels des Augenpaares.


Wenn trotz der verordneten Brille die Symptome nicht besser werden und auch diejenigen, die keine Brille erhielten, da sie angeblich perfekt sehen, ein zweites und drittes Mal die gleiche Diagnose gestellt bekommen, häufig mit einem Unterton in die Richtung "Sie versuchen wohl das Versagen Ihres Kindes durch ein körperliches Leiden zu erklären", landen viele der auf diese Weise frustrierten Eltern mit ihren Kindern bei uns. Die Eltern merken bei uns sehr schnell, dass wir die Probleme ihrer Kinder ernst nehmen, und langjährige Erfahrung mit der optometrischen Untersuchung von Kindern haben.
Hierbei geht es auch darum, wie mit Kindern, die sowieso durch langes schulisches Versagen auf jede Herausforderung mit Angst reagieren wieder zu versagen, umgegangen wird (durchschnittliche Untersuchungszeit 1 Stunde).
Nach ausführlichen optometrischen Messungen und Beurteilungen, die auch die Fähigkeit der Wortbilderkennung durch spezielle computerunterstützte Verfahren einschliesst, wird unter natürlichen Sehbedingungen der einzeläugige Sehstatus ermittelt.
Bei der von uns angewandten Methode zur Akkommodationsentspannung wird dabei häufig ein Resultat erzielt, das von der Messung unter gelähmten Bedingungen, wie sie Augenärzte (m.E. oft aus Zeitmangel) durch die Anwendung von akkommodationslähmenden Augentropfen erzielen, abweicht.
Unser Meßergebnis (meist eine Übersichtigkeit) wird von den Kindern fast immer besser toleriert, als die unter unnatürlichen Bedingungen gemessene Übersichtigkeit beim Augenarzt, bei der durch die Augentropfen der Selbstausgleich der Übersichtigkeit, der bei Kindern zumindest teilbetragsmässig völlig natürlich ist, völlig außer Kraft gesetzt wird.
Anschliessend folgt in unserer Praxis die Messung nach der "Meß- und Korrektionsmethodik nach H.J. Haase (MKH)" zur Aufdeckung und Korrektion einer evtl. vorhandenen Winkelfehlsichtigkeit in Ferne und Nähe.


Leider ist die Methode zur Korrektion der Winkelfehlsichtigkeit, obwohl seit Jahrzehnten bei Anwendern und Betroffenen segensreich bekannt, bei vielen Augenärzten noch mit Vorurteilen belegt.
Auf Vorträgen, Fortbildungsveranstaltungen und Seminaren, die ich besucht und selbst durchgeführt habe, zeigte sich immer wieder, wie wenig sich die Kritiker, wie z.B. Herr Dr. Mehrle mit dieser Methode und dem wichtigen Unterschied zwischen einer Heterophorie und einer Winkelfehlsichtigkeit vertraut gemacht haben.


Zunächst möchte ich auf den Begriff "Winkelfehlsichtigkeit" eingehen, den Herr Dr. Mehrle in seinem Beitrag als "Umbenennung einer Heterophorie, mit dem Ziel das Gesetz zu umgehen" beschreibt.


In der optometrischen Fachwelt (Fachliteratur sowie den Curricula der Fachhochschulen für Augenoptik und Optometrie) unterscheidet man seit vielen Jahren eindeutig die Begriffe "Winkelfehlsichtigkeit" (engl. associated phoria) und "Heterophorie" (engl. dissociated phoria).
Die Unterscheidung der Begriffe "Heterophorie" und "Winkelfehlsichtigkeit" ist notwendig, da es sich um unterschiedliche Binokularzustände handelt.
Definitionsgemäss wird unter "Heterophorie" ein binokularer Zustand verstanden, bei dem die Vergenzruhelage unter Aufhebung der Fusion gemessen wird.


Zu den Testverfahren auf "Heterophorie", die üblicherweise von Augenärzten bzw. deren Mitarbeiterinnen, sogenannten "Orthoptistinnen", durchgeführt werden, zählen Verfahren wie "Schober-", "Maddox-", "Bagolini-", oder "von Graefe-Verfahren".
Bei jedem dieser Meßvorgänge wird nur die muskuläre Komponente einer latenten Augenstellungsabweichung und diese unter völlig unnatürlichen Sehbedingungen gemessen.


Unnatürlich deshalb, weil erstens im Gegensatz zu den genannten Meßverfahren unter natürlichen Sehbedingungen ständig Fusionsreize, also gleichzeitig in beide Augen abgebildete Objekte, die zu einem "Verschmelzungsreflex" führen, vorhanden sind.
Zweitens, weil aufgrund der geringen Kontrastverhältnisse bei obengenannten Verfahren der Untersuchungsraum fast vollständig abgedunkelt werden muss.


Im halb abgedunkelten Raum sind die tageslichtempfindlichen Sinneszellen (Photorezeptoren) der Netzhaut die "Zapfen" und die Dämmerungssinneszellen "Stäbchen" gleichzeitig aktiv (mesopisches Sehen).
Im völlig abgedunkelten Raum sind sogar nur die "Stäbchen" aktiv (skotopisches Sehen).
Die Gleichgewichtslage der äußeren Bewegungsmuskeln der Augen (Vergenzruhelage) beim mesopischen und skotopischen Sehen weicht gegenüber dem reinen Zapfensehen (photopisches Sehen), welches beim Lesen und Lernen ausschliesslich eine Rolle spielt, teilweise erheblich ab. Auch wenn ein derartig gewonnenes Messergebnis für eine Korrektion eines latentenStellungsfehlers der Augachsen völlig unbrauchbar ist, hat es einen Namen - "Heterophorie".


Bei der von uns angewandten "Meß- und Korrektionsmethodik nach H. - J. Haase" (im Folgenden "MHK") wird an einem Gerät, dessen Tests und Kontrastverhältnisse exakt vorgegeben sind (z.B. Zeiss- Polatestgerät, "Polatest E- Gerät" oder "Visucat- Gerät") im Hellraum, also unter photopischen Bedingungen unter Anwesenheit peripherer, parazentraler und zentraler Fusionsreize, also unter natürlichen Sehbedingungen gemessen.Unter diesen Bedingungen gemessene latente Stellungsfehler der Augen werden als "Winkelfehlsichtigkeit" bezeichnet.
Die Messergebnisse sind entgegen der von Herrn Dr. Mehrle geäußerten Ansicht jederzeit reproduzierbar. Die Stärke der erforderlichen Prismen zur Herstellung eines perfekten Muskelgleichgewichts ist schon deshalb nicht von "Testsituation" zu "Testsituation" unterschiedlich, wie Herr Dr. Mehrle weiter ausführt, da eben die Testbedingungen wie Kontrastverhältnisse, Beleuchtungsverhältnisse, Abstand zum Testobjekt, sowie die genaue Vorgehensweise bei der Testdurchführung bei der "MKH" einheitlich vorgeschrieben sind, ganz im Gegensatz zu "Heterophoriemessverfahren" bei denen "alles erlaubt ist".
Die "Heterophoriemessungen" liefern abhängig vom Messverfahren, vom Abstand zum Sehobjekt und von den Leuchtdichteverhältnissen, wie schon erwähnt, teilweise eklatant voneinander abweichende und damit unbrauchbare Ergebnisse.
Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit an hunderten von Versuchen mit verschiedenen Heterophoriemessverfahren mitzuwirken, die dies bestätigten.


In diesem Zusammenhang ist der Vorwurf, dass das "MKH" Verfahren keine verwertbaren Messergebnisse liefert, zurückzuweisen. Im Gegenteil ist es so, daß alle von Augenärzten und Orthoptistinnen üblicherweise angewandten Verfahren, wie oben dargestellt, keine verwertbaren Messergebnisse liefern.

Zur Behauptung von Herrn Dr. Mehrle, gewisse Optiker (unter Anderem meint er damit mich) würden behaupten, mit Prismengläsern eine Legasthenie "heilen" zu können, und ein Zusammenhang zwischen LRS und einer "Fehlfunktion der Augen" wäre wissenschaftlich schon längst widerlegt:
Tatsache ist, dass eine wissenschaftliche Studie, die in meiner Praxis von einer Absolventin der Fachhochschule für Augenoptik und Optometrie/ Berlin als Diplomarbeit im Jahre 2001 durchgeführt wurde folgendes erbrachte:
In einem Beobachtungszeitraum von 6 Monaten wurden über 300 Kinder mit LRS vor Erhalt einer Prismenbrille, sowie 6 Wochen und dann nochmals ca. 4 Monate später untersucht.
Als Vergleichsgrundlage diente ein normierter Lesetest (Schroth- Wilkens) und die Fähigkeit eine gewisse Anzahl von Buchstaben sogenannter Pseudowörter (Wörter ohne Sinnbedeutung, die lautierbar sind) in einer sehr kurzen Darstellungszeit (am Computer) zu erkennen (Tachistoskopisches Verfahren).


Mehr als 85% der Kinder zeigten statistisch signifikante Verbesserungen der Lesefähigkeit (Geschwindigkeit und Fehleranzahl), sowie eine signifikante Verbesserung der Wortbilderkennung bei tachiskostopischer Darstellung mit der Prismenbrille.


Begleitsymptome wie Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme, sowie häufig auch motorische Probleme waren ebenfalls innerhalb des Beobachtungszeitraums statistisch signifikant besser geworden.
Die von Herrn Dr. Mehrle erwähnten angeblichen wissenschaftlichen Studien, die eine Nichtwirksamkeit von Prismen bei LRS beweisen sollen, konnten von mir trotz intensiver Internetrecherche nicht gefunden werden. Dagegen existieren mindestens 2 weitere wissenschaftliche Arbeiten (Diplomarbeiten) von Fachhochschulabsolventen der Optometrie, welche die Wirksamkeit von Prismenbrillen bei Vorliegen von Winkelfehlsichtigkeit bei LRS bei einem großen prozentualen Anteil betroffener Kinder beweisen.


Zu der Behauptung, Augenoptiker dürften keine Prismen bestimmen


Durch ein Amtsgerichtsurteil (Bensheim), das schon mehrere Jahre alt ist, wurde die Prismenabgabe durch Augenoptiker in einem speziellen Einzelfall verneint. Inzwischen existieren mindestens 4 weitere neuere und letztinstanzliche Urteile, welche die Messung und Korrektion von Winkelfehlsichtigkeiten nicht der Heilkunde, sondern der für Augenoptiker erlaubten Korrektur einer Fehlsichtigkeit zuordnen.


Zu den "Operationsfällen"


Die von Herrn Dr. Mehrle in seinem Beitrag aufgestellte Behauptung "beinahe 30% der Kinder, welche nach der MKH- Methode eine Prismenbrille erhielten, müssen operiert werden" ist völlig aus der Luft gegriffen. Die meisten Winkelfehlsichtigkeiten, nach statistischen Erhebungen ca. 94%, sind so gering, daß sie problemlos dauerhaft (und das oft nur eine gewisse Zeit während des Lesenlernens) mit einer prismatischen Brille korrigiert werden können. Bei den restlichen 6% ist die Winkelfehlsichtigkeit allerdings so groß, daß die Korrektion mit Brillengläsern dauerhaft keinen Sinn macht. Die benötigten Prismengläser würden zu dick und zu schwer werden und unvermeidbare Nebenwirkungen, wie die Einschränkung des Gesichts- und Blickfelds würden sich störend bemerkbar machen.


Eine operative Augenmuskelverlagerung sollte in Erwägung gezogen werden, wenn:
Die Beschwerden, die durch die Winkelfehlsichtigkeit verursacht werden stark sind, aber die Brillengläser "zu dick" werden. Und das Tragen der prismatischen Korrektion in oben erwähntem Fall zu einer deutlichen Symptomverbessserung führt (was den Erfolg einer Augenmuskelverlagerung quasi vorherbestimmbar macht). Das Tragen einer Brille aus anderen Gründen nicht möglich ist.


Ganz allgemein kann man sagen, daß der Leidensdruck über die operative Augenmuskelverlagerung entscheiden sollte. So wird z.B. ein Winkelfehlsichtiger, der unter häufig auftretenden, fast unerträglichen Kopfschmerzen leidet, sich eher zu der Maßnahme entscheiden, als ein Betroffener, der bei Ermüdung nur gelegentlich beim Lesen in der Zeile verrutscht.


Wird bei einer MKH eine sehr grosse Winkelfehlsichtigkeit gemessen, weisen wir die Betroffenen, bzw. die Eltern darauf hin, dass eine operative Augenmuskelverlagerung evtl. angezeigt ist. In Zusammenarbeit mit spezialisierten Augenärzten wird, wenn die Eltern dies wünschen, mit der Prismenkorrektion begonnen. Ziel ist in solchen Fällen, den gesamten latenten Winkelfehler zu erfassen. Durch die ständigen Ausgleichsmechanismen der Augenbewegungsmuskeln bei einer sehr hohen Winkelfehlsichtigkeit ist der zu operierende Winkel mit anderen Methoden nicht exakt festzustellen.


Eine amerikanische Studie hat bei mehreren hundert Fällen latenter Stellungsabweichungen der Sehachsen ergeben, dass die Dosierung einer Augenmuskelverlagerung bei vorausgegangener präoperativer Stabilisierung des Winkels durch Prismengläser weitaus exakter ist, als die Bestimmung des zu operierenden Winkels nach anderen Verfahren.


In Fällen großer Winkelfehlsichtigkeiten wird die Prismenkorrektion in mehreren Stufen (immer in Zusammenarbeit mit spezialisierten Augenärzten) solange verstärkt, bis sich der Muskeltonus des Antagonisten (Gegenspielers) des zu stark ziehenden Muskels soweit entspannt hat, dass der Winkelfehlsichtigkeitswert über einen längeren Beobachtungszeitraum nicht mehr "nachrutscht".
Die Augenärzte, die "über ihren Schatten gesprungen sind" und mich im Laufe der letzten Jahre in meiner optometrischen Praxis besucht haben, gaben alle an, fälschlicherweise geglaubt zu haben, dass die Augenmuskeloperationen operative "Reparaturmassnahmen" von Prismenwerten seien, die uns quasi aus der Hand geglitten seien.


Dass alle Klienten, die wir präoperativ prismatisch versorgten, überaus zufrieden mit dem Ergebnis der Augenmuskeloperation waren, hat dann immer wieder erstaunt. Die Betroffenen (Kinder und Erwachsene) hatten oft jahre- in einigen Fällen jahrzehntelang unter starken Beschwerden z.B. chronischen Kopfschmerzen gelitten, ohne dass die Ursache entdeckt worden war. In allen Fällen konnte Linderung oder sogar völlige Beschwerdefreiheit erreicht werden.
Dabei ist besonders bei Kindern mit oben erwähnten Symptomen die Korrektion eines vorliegenden monokularen oder binokularen Sehfehlers häufig nur ein Glied in der Kette notwendiger Massnahmen. Im Laufe der Jahre hat sich aus diesem Grund ein intensiver Erfahrungsaustausch mit Ergotherapeuten, Pädagogen, Erzieherinnen, sowie Ärzten verschiedener Fachrichtungen ergeben. So hat sich z.B. bei Kindern mit häufig auftretenden Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen, die zusätzlich unter Teilleistungsstörungen, wie Lese- Rechtschreibproblemen leiden, folgende Vorgehensweise bewährt:
Ausschluss einer krankhaften Ursache durch Konsultation eines Kinderarztes, sowie eines Augenarztes. Durchführung einer umfangreichen optometrischen Messung wie oben beschrieben. Bei Vorliegen eines wie immer gearteten Sehfehlers erfolgt dann die Korrektion durch eine Brille. Die verbesserte visuelle Wahrnehmung z. B. in Verbindung mit einer Ergotherapie oder einem Lese- Rechtschreibtraining führt häufig zu einer deutlichen Verbesserung oder sogar zum Verschwinden oben beschriebener Schulsymptome.


Bei aller notwendigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung zählt in unserer täglichen Praxis letztlich nur Eines!
Das Wohl unserer Klienten, denen durch "klassische" augenärztliche und orthoptische Verfahren bisher nicht geholfen werden konnte.
Tausende von Klienten, die wir betreut und erfolgreich optometrisch versorgt haben, sprechen eine deutliche Sprache.

Die Tatsache, dass Prismenbrillen nicht mehr von der Krankenkasse bezuschusst werden, ist für betroffene Eltern und uns ärgerlich und unverständlich, da vielen Kindern weitere unnötige Beschwerden und auch Behandlungskosten durch eine korrekt nach "MKH" bestimmte Prismenbrille erspart bleiben. Dies darf aber nicht zu dem von Herrn Dr. Mehrle falsch gezogenen Schluss führen, die Bestimmung und Abgabe einer Prismenbrille wäre Augenoptikern nicht erlaubt.

Eine korrekt nach "MKH" bestimmte Brille, die von einem erfahrenen und verantwortungsbewussten Augenoptiker/ Optometristen bestimmt und angepasst wird, kann keinen Schaden anrichten!
Sehr oft kann mit einer Prismenbrille dagegen entscheidend geholfen werden.
Der Ausschluss einer Augenerkrankung durch einen Augenarzt sollte aber zusätzlich unbedingt erfolgen.

Leider häufig zu beobachtende Tatsache bleibt:

Bei vielen Augenärzten und Augenoptikern (nicht bei Allen) wird auf häufig geschilderte Symptome, welche auf ein binokulares Sehproblem hindeuten, nicht genügend eingegangen und der Messvorgang geht nicht über die Korrektion des Sehfehlers der beiden Einzelaugen hinaus. Der enorm wichtigen Analyse des Augenzusammenspiels, und der Aufdeckung und Korrektion einer eventuell vorliegenden Winkelfehlsichtigkeit, welche Auslöser vieler Probleme sein kann, wird noch zu wenig Beachtung geschenkt.

Im Interesse aller Betroffener wäre es wünschenswert, wenn sich dies schnell ändern würde.

Gerhard Flegl
Master of Science in Clinical Optometry (USA), MCOptom / Zentrum für Augenoptik und Optometrie, Sachsenheim

 

 

© Der Inhalt unserer Homepage ist urheberrechtlich geschützt.

Winkelfehlsichtigkeit